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„Man muss sich mehr zumuten“

– dieser Leitspruch treibt Snøhetta und Patrick Lüth an. Projekte denkt und realisiert der Architekt auf besondere Weise. Ein Interview.

 

Patrick Lüth. © Snøhetta

Snøhetta Arkitektur og Landskap sind bekannt für ihre transdisziplinäre Denk- und Arbeitsweise. Interdisziplinarität ist bei Snøhetta kein Schlagwort, sondern treibende Kraft und Haltung – ob in der Zusammenarbeit mit Kreativen, Landschaftsplanern, Philosophen oder Künstlern wie Olafur Eliasson. Weltweit sorgen ihre Bauten für Aufmerksamkeit: die Bibliotheca Alexandrina, die sie 2002 errichteten, das Olympic Art Museum Lillehammer oder die Oper in Norwegen. Was alle Projekte des Büros verbindet, ist die Herangehensweise, Architektur als gebaute Landschaft zu betrachten. Auf diesen Aspekt fokussierte auch die Ausstellung von Snøhetta in Innsbruck, in der die Installation „Relations“ im Mittelpunkt stand – realisiert mit dem Teppichboden Eco Iqu S von Carpet Concept. Patrick Lüth von Snøhetta spricht im Interview über die besondere Herangehensweise des Büros an Projekte und warum Landschaft im Fokus der Architektur einen zentralen Stellenwert hat.

 

Herr Lüth, an welchem Bild haben Sie sich heute Morgen besonders erfreut?

Am meisten an dem Bild meiner Kinder, die sich ihrerseits am ersten Schnee in Innsbruck erfreut haben. Diese unglaubliche Veränderung, die die Kinder in der Landschaft festmachen und erleben, ist bewegend.

 

„Die Architektur selbst ist statisch, aber wir bewegen die Nutzer, physisch und inhaltlich. Uns geht es darum, dass wir über Architektur mit den Leuten direkt in Kontakt treten.“

 

Welchen Stellenwert nimmt Landschaft für Sie in der Gestaltung ein?

Wir haben bei Snøhetta zwei Komponenten des Landschaftsbegriffes. Jedes Gebäude steht im Landschaftskontext und das hat für uns Einfluss auf Strukturen. Wir beschäftigen uns sehr stark mit dem physischen Kontext. Dabei gibt es für uns keine Dogmen. Es können zum Beispiel organische Strukturen sein, die den Kontext bestimmen. Wir glauben, dass Topographie bei den Nutzern etwas bewegen kann, denn zwischenmenschliche Interaktionen werden durch Gestaltung gesteuert. Ein Beispiel hierfür ist unser Opernhaus in Norwegen.

 

Snøhetta arbeitete für eine temporäre Installation mit dem Teppichboden Eco Iqu S von Carpet Concept. Foto: Günter Richard Wett

 

Was beobachtet man dabei?

Im Innenraum passiert Folgendes: Wenn sie aus den klassischen Bewegungsmustern herausgehen, zum Beispiel auf schiefen Flächen laufen, benehmen sie sich neu, es beeinflusst Besucher. Das bricht Hemmschwellen, vieles passiert nun auf Augenhöhe. Auch auf dem Operndach in Oslo ist das der Fall. Die Leute benutzen es neu. Bei dem Weg über die ungeraden Flächen gehen sie sehr behutsam, wie in der Natur. Man kann Architektur physisch erleben. Die Architektur selbst ist statisch, aber wir bewegen die Nutzer, physisch und inhaltlich. Uns geht es darum, dass wir über Architektur mit den Leuten direkt in Kontakt treten.

 

„Unser Leitspruch ist „man muss sich mehr zumuten“, ob bei der Begehung der Installation oder bei neuen Ideen, die wir dem Bauherrn präsentieren.“

 

Wie versuchen Sie, die Natur in die Architektur zurückzubringen?

Wir wollen respektvoll mit der Natur umgehen. Es geht um Atmosphären, die man aus der Architektur ableitet und um das Zurückholen und Schützen der Natur. Ein Beispiel ist Nord-Norwegen, wo es für uns notwendig erschien, einen Teil eines Berges zu entfernen. Aber respektvoll, um den Ort zu schonen.

 

„Der Teppichboden von Carpet Concept hat uns an Rentierflechten erinnert. Eco Iqu S hat sich zugleich funktional als vorteilhaft erwiesen, weil er relativ rutschfest ist“, so Lüth. © HGEsch

 

Warum sind Architektur und Natur heute so oft Gegensätze?

In Mitteleuropa hat es damit zu tun, dass Architektur als Dienstleistung und nicht als Gestaltung von Lebensräumen aufgefasst wird. Gebäude sind oft nur ein Teil, sie werden nicht in einem Gesamtkontext von Lebensraum betrachtet. Oft fehlt die Sensibilität in Städten, mit diesem verdichteten Raum umzugehen.

 

„Textile Landschaften sind ein Thema, das wir noch nicht ausgeschöpft haben.“

 

Ist der städtische Raum Ihrer Ansicht nach zu sehr verdichtet?

Ich glaube nicht, dass der Raum zu sehr verdichtet ist. Dichte muss ja nicht heißen, alles zu bebauen. Wir versuchen, an solchen Stellen in die Höhe zu gehen. Dichte ist nicht schlecht, per se zeugt sie von Frequenz. Aber mit Verdichtung einhergehend ist sensible Planung. Wir stellen gerade ein kleines Projekt mit 40 sehr verdichteten Wohneinheiten her. Ein vertikales Gebäude, die Dachflächen sind begrünt, das Thema „urban gardening“ spielt eine Rolle. Ein kleines Beispiel, aber in der Zwischenzone von 5.000-20.000 Einwohner-Städten ist das ein großes Vakuum.

 

Wie versuchen Sie, Materialien auszuwählen?

Architektur als gebaute Landschaft. Auf diesen Aspekt fokussierte auch die Ausstellung von Snøhetta in Innsbruck. Foto: Günter Richard Wett

Unsere Materialauswahl bei Snøhetta folgt grundsätzlichen Überlegungen. Wir setzen so wenige Materialien wie möglich ein. Marmor und Holz dominieren z.B. an der Oper in Oslo, diese Materialien werden sehr gewissenhaft ausgewählt. Wenn wir Marmor festlegen, wird er an verschiedensten Oberflächen verwendet, mal dünner, mal dicker. In Saudi-Arabien benutzten wir das Material Stampflehm, da es eine feste Verwurzelung in der Geschichte hat. Gleichzeitig kontrastierten wir es mit Edelstahl, einem hochtechnischen Werkstoff der Zukunft. In der ersten Kommunikation mit dem Bauherrn löste der Stampflehm große Verwunderung aus. Aber er machte Sinn, weil das Material verortet ist.

 

Gibt es auch textile Landschaften, mit denen Sie sich beschäftigt haben?

Textile Landschaften sind ein Thema, das wir noch nicht ausgeschöpft haben. Es hat Faszination und besitzt die Qualität der Weichheit. Es wäre ein Thema, mit dem wir gut arbeiten und experimentieren können. Man könnte sich z.B. auch ein spannendes Studienobjekt mit Teppichboden vorstellen und viele, ungewöhnliche Ideen umsetzen.

 

„Spannende Projekte sind die, bei denen wir uns selbst hinterfragen müssen und die wir mit unserem Gegenüber weiterentwickeln.“

 

Sie schrecken nicht davor zurück, Materialien aus ihrem Kontext zu bringen. Hätten Sie auch für das Thema Teppichboden eine neue Idee?

Teppichböden sind sehr hochwertige Materialien, akustisch wirksam und anschmiegsam. Wenn wir den Boden aus der Dreidimensionalität in die Vertikalität bringen, kann ich mir vorstellen, ganze Räume auszukleiden, vom Boden bis zur Decke, und viel Neues auszuprobieren.

 

Sie haben vor kurzem in der Ausstellung „Relations“ den Teppichboden Eco Iqu S von Carpet Concept eingebracht – warum genau diesen?

Das Spannende an diesem Teppichboden-Produkt ist, dass es zweifarbig ist. Unsere Inspiration war, dass wir eine architektonische Landschaft zeigen wollten, die auf unsere Herkunft aus Norwegen anspielt. Der Teppichboden von Carpet Concept hat uns an Rentierflechten erinnert. Eco Iqu S hat sich zugleich funktional als vorteilhaft erwiesen, weil er relativ rutschfest ist. Unsere Installation bei unserer Ausstellung in Innsbruck war sehr steil, an der steilsten Stelle sogar über 30 Prozent – wie eine Skiabfahrt. Unser Leitspruch ist „man muss sich mehr zumuten“, ob bei der Begehung der Installation oder bei neuen Ideen, die wir dem Bauherrn präsentieren.
Auch wir muten uns einmal im Jahr etwas Besonderes zu: den Snøhetta-Berg in Norwegen zu besteigen. Das erreichen wir gemeinsam. Und das ist auch im Bauprozess so: wenn man sich eine starke Aufgabe stellt und diese schafft, dann ist das sehr befriedigend.

 

Stark: Swarovski Spielturm. Foto: Snøhetta

 

Welches Projekt würde Sie zur Umsetzung für die Zukunft besonders reizen?

Spannende Projekte sind die, bei denen wir uns selbst hinterfragen müssen und die wir mit unserem Gegenüber weiterentwickeln. Große Wettbewerbe lassen manchmal richtige Innovationen zu. Aber es müssen nicht immer die Dinge sein, die sich am Ende des Tages auch gut vermarkten lassen.

 

www.carpet-concept.de

© Quelle: Carpet Concept

 


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