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Innovation ist nicht selbstverständlich

Der deutsche Designer Christian Werner hat für einige der namhaftesten europäischen Hersteller gearbeitet. Sein jüngstes Produkt ist das Regalsystem lilu für interlübke, das soeben auf der imm cologne präsentiert wurde. Das in verschiedenen Größen und Farben kombinierbare und vielfältig staffelbare System sprengt buchstäblich den Rahmen herkömmlicher Regale und macht die Wand zur Bühne collageartiger oder auch skulpturaler Inszenierungen.
Von Harald Sager

 

wohndesigners: Sie haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten für namhafte europäische Hersteller wie Leolux, de Sede, Thonet, Ligne Roset oder Rolf Benz entworfen, da erscheint ein gemeinsames Projekt mit interlübke, der in der gleichen Liga mitspielt, nur folgerichtig. Wie kam es zur Zusammenarbeit für das neue Regalsystem lilu?

Christian Werner hat gut sitzen – schließlich tut er es auf dem von ihm designten Sofa 2002 von Thonet.

Christian Werner: Die konkrete Verbindung kam über einen Kontakt zum Geschäftsführer Patrik Bernstein zustande. Das war aber nur der letzte Anstoß, entscheidend war für mich eine Inspiration, die von anderswo kam: Ich arbeite ja auch als Innenarchitekt und habe vor zwei Jahren ein Einrichtungshaus in Hamburg umgebaut, das dem spiritus rector des Hamburger stilwerks gehört. Dabei ergab sich das Problem, dass eine Wand – es handelt sich um alte Backsteingebäude – sozusagen nicht zu gebrauchen war, und dahinter schließen Lagerräume an, die die Anmutung stören – kurz, wir mussten uns etwas einfallen lassen. Da kam ich auf die Idee, die Wand mit einem riesigen Regalsystem von nicht weniger als 11,5 Meter Länge und gestaffelten Winkeln – jetzt das stilbildende Element von lilu – zu bedecken, das die Aufmerksamkeit fesseln sollte. Als das Regal fertig war, dachte ich, die Idee ist so gut, die müsste man doch eigentlich auch kommerziell verwerten können. So machte ich mich auf die Suche nach einem Hersteller, der sich dafür ebenfalls erwärmen könnte, und fand ihn in interlübke.

 

Aus welchem Material ist lilu? Wie steht es um die Farben?

Eine gewisse skulpturale oder auch collageartige Qualität ist lilu nicht abzusprechen.

Das Material ist ein hochverdichteter Holzwerkstoff, und die Farben kommen von interlübke. Die Produktmanagerin Kerstin Fricke hat das hauseigene Farbsystem entwickelt. Durch die gestaffelte Struktur von lilu war es besonders wichtig, dass auch die Farben fein abgestuft und aufeinander abgestimmt sind. Das Ganze muss harmonieren – ich finde, das ist großartig gelungen.

 

Waren Sie in Austausch mit den interlübke-Technikern?

Oh ja. Wenn sich ein Außenstehender lilu ansieht, könnte er sagen, ,Das ist ja nichts Besonderes, das sind ja nur ein paar Winkelborde‘. Aber das wäre ein großer Irrtum. Für die interlübke-Techniker war es in Anbetracht der Materialität und Materialstärke eine schwierige Aufgabe – aber sie haben es hinbekommen.

 

„Ich habe das Prinzip des Winkelbords natürlich nicht erfunden, aber die Möglichkeit, dieses gruppenweise in verschiedenen Größen und Farben miteinander zu kombinieren und gestaffelt anzuordnen, war neu.“

 

Was war die erste Idee bei lilu, was ist das Besondere daran?

Das eben erst präsentierte Regalsystem lilu von interlübke.

Ich habe das Prinzip des Winkelbords natürlich nicht erfunden, aber die Möglichkeit, dieses gruppenweise in verschiedenen Größen und Farben miteinander zu kombinieren und vor-, neben- und übereinander gestaffelt anzuordnen, ist neu. lilu kommt in drei Dimensionen und ist von der Länge her beliebig variierbar; es lässt sich in der Horizontalen verschieben und kann optional hinterleuchtet werden. Für den Nutzer ergeben sich dadurch unendliche viele Möglichkeiten, seine Wand zu gestalten.
Ein Regal bzw. Wandbord ist ja im Normalfall nichts weiter als eine Kiste, ein Etwas, das beliebig und irgendwie verloren an der Wand hängt. Diese starre Struktur wollte ich auflösen. Mir schwebte eine offene Struktur vor, die die Wand mit einbezieht und dadurch völlig neue, collageartige Bilder auf ihr produziert.
lilu besteht aus einzelnen Elementen, die aber in Beziehung zueinander stehen und ein gemeinsames Ganzes, eine gestaltete Einheit bilden. lilu hat eine bestimmte skulpturale Qualität, die die Wand selbst zur Bühne macht.

 

Wie wird ein lilu-Wandbord befestigt, das ein anderes überlagert? Kann man es selbst montieren oder benötigt man dazu professionelle Hilfe?

Das ist eine mit den Technikern von interlübke raffiniert ausgetüftelte Konstruktion – die werde ich bestimmt nicht verraten. – Zum Markenversprechen eines hochwertigen Möbelherstellers wie interlübke gehört, dass die sach- und fachgerechte Montage durch diesen bzw. einen Fachhändler erfolgt.

 

„Bei lilu schwebte mir eine offene Struktur vor, die die Wand mit einbezieht und dadurch völlig neue, collageartige Bilder auf ihr produziert.“

 

Was ist Ihre grundsätzliche Herangehensweise an Möbeldesign?

Alleskönner an der Wand: lilu kommt in drei Größen, zahlreichen Farben und jeglicher Länge, es lässt sich nach Belieben kombinieren, vor-, neben- und übereinander gestaffelt anordnen, horizontal verschieben und optional hinterleuchten.

Am Beispiel von lilu lässt sich recht schön illustrieren, was für mich zu den wesentlichen Aufgaben des Designers gehört: nämlich, Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Jeder hat bestimmte Vorstellungen davon, wie ein Regal oder Wandbord auszusehen hat. Das ist selbstverständlich – aber gerade das Selbstverständliche ist der größte Feind der Innovation. Man übersieht dabei leicht, dass jeder Einrichtungsgegenstand auch neue Lösungen in sich birgt.
Grundsätzlich gehe ich eher intuitiv als analytisch vor. Es gibt keine statische Ordnung der Herangehensweise. Manchmal denke ich darüber nach, wie ich eigentlich wohnen oder sitzen will. Auch beim Sofa Prado für Ligne Roset standen solche Gedanken im Vordergrund. Sie führten dazu, dass ich den beschränkenden Rahmen aus Arm- und Rückenlehnen überwinden wollte. [Prado besteht aus einer übergroßen Sitzfläche und aus Einzelrückenlehnen, die frei positionierbar sind – je nachdem, wie und wo man gerade sitzen will. Die Rückenlehnen werden durch ihr Eigengewicht und dank einer rutschfesten Unterseite auf der Sitzfläche gehalten und benötigen keine Befestigung, Anm.]
Manchmal kommen Ideen auch einfach auf mich zugeflogen!

 

Wie würden Sie Ihren Designstil beschreiben?

Ich versuche bei jeder Aufgabe eine in sich schlüssige, logische und schlichte Lösung zu finden. Es geht mir nicht um einen akademischen Minimalismus, das emotionale Element des Erlebnisses ist mir in meiner Arbeit sehr wichtig. Wir sind emotionale Wesen. Funktionalität und die Reduzierung aufs Wesentliche bleiben dabei ein wichtiger Leitfaden.

 

„Sehgewohnheiten zu hinterfragen ist für mich eine der wesentlichen Aufgaben eines Designers.“

 

Wer ist Ihr größter Kunde bzw. der, mit dem Sie am längsten zusammenarbeiten?

Das jüngste – und erstmalig lang- und dünnbeinige – Element der seit 20 Jahren bestehenden und stetig erweiterten Serie Everywhere von Ligne Roset.

Mein ältester Kunde ist der französische Hersteller Ligne Roset. Natürlich muss ich Geld verdienen, aber die Größe allein ist nicht das entscheidende Kriterium. Viel wichtiger ist das Verhältnis zu den Menschen im Unternehmen. Ich kann nicht kreativ sein in einem Umfeld, in dem ich mich nicht wohl fühle. Ich arbeite jetzt seit 25 Jahren mit Ligne Roset und kenne die Firma seit 30 Jahren, noch von meiner Zeit als Angestellter her.

 

Sie haben als angestellter Designer begonnen?

Ja, nach meinem Industrial Design-Studium in Berlin und Hamburg arbeitete ich in einem Designbüro. Ich wusste immer schon, dass ich selbständig sein wollte, fand es aber wichtig, zunächst einmal Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, wie man so ein Büro führt. Nach fünf Jahren machte ich mich dann selbständig, was anfangs nicht einfach war. Als Designer lebt man letztlich von Tantiemen, und da kann es unter Umständen ziemlich lange dauern, bis der Return on Investment anläuft. Daher habe ich von Anfang an nicht nur als Designer gearbeitet, sondern auch als Innenarchitekt Privatwohnungen, Ladengeschäfte und Messestände eingerichtet.

 

Sie arbeiten für verschiedene renommierte Polstermöbelhersteller. Gehen Sie designerisch anders vor, je nachdem, für welche Marke Sie gerade arbeiten? Ich nehme an, dass auf das jeweilige Corporate Design, die designerische Generallinie der Marke, Rücksicht zu nehmen ist.

Wenn das Selbstverständliche der Feind der Innovation ist, kann man die Rückenlehne ruhig einmal weglassen und durch beliebig positionierbare rutschfeste Einzelrückenlehnen ersetzen. Das Ergebnis nennt sich Prado (von Ligne Roset) und sieht bestechend aus!

Ja. Man muss die Kollektionen sehr gut kennen, um die richtigen Antworten zu finden.

 

Was war Ihr bisher größter Design-Erfolg?

Große Erfolge sind das Kastenmöbel-Programm Everywhere und das bereits erwähnte Sofa Prado für Ligne Roset, die Badmöbelserie L-cube für Duravit sowie das Sofa Dono für Rolf Benz, um nur einige zu nennen.

 

Welche Ihrer Entwürfe sind Ihnen besonders wichtig?

Das Sofa 2002 für Thonet und das Prado für Ligne Roset liegen mir sehr am Herzen.

 

„Das emotionale Element ist mir in meiner Arbeit sehr wichtig. Wir sind emotionale Wesen.“

 

Sie designen seit gut 30 Jahren Polstermöbel und andere Möbel. Wie hat sich in dieser Zeit die Designlandschaft verändert, wie Ihre eigene Handschrift?

Eine Veränderung meiner Handschrift? Das können andere wahrscheinlich besser beurteilen. Für mich ist es wichtig, neugierig zu bleiben. Ich bin kein Mensch, der der Vergangenheit verhaftet ist, ich schaue immer nach vorne und versuche mich stets weiterzuentwicklen.
Die Designlandschaft entwickelt sich sehr pluralistisch, da gibt es weiterhin die bürgerlichen Big Player mit moderaten innovativen Impulsen, und am anderen Ende des Spektrums sind einige junge kreative Labels entstanden, die sich erfreulicherweise gut auf dem Markt halten können, wie man gerade auf der imm in Köln wieder sehen konnte. Umso mehr freut es mich, dass ein traditionsreicher Hersteller wie interlübke mit mutigen frischen Designs auf sich aufmerksam macht.

 

Wie entstehen Ihre Arbeiten? Am Computer, oder zeichnen Sie?

Ich denke mit dem Stift in der Hand. Der Computer ist ein sehr unsinnliches technisches Werkzeug.

 

www.christian-werner.com

 


INFOKASTEN
Christian Werner, 1959 in West-Berlin geboren, studierte Industriedesign dortselbst und in Hamburg, arbeitete fünf Jahre in einem Designbüro und betreibt seit 1992 sein eigenes Studio für Produktgestaltung in Hamburg. Neben der Erstellung von räumlichen Konzepten hat er sich vor allem auf Entwurf und Entwicklung von Möbeln spezialisiert. Christian Werner arbeitet für namhafte europäische Hersteller wie Ligne Roset, de Sede, Thonet, Leolux, Rolf Benz, Duravit, Garpa, Rossin, carpetconcept und JAB Anstoetz. Jüngstes Produkt ist das eben erst auf der imm cologne vorgestellte – und auch bereits mit dem Iconic Award des Rats für Formgebung ausgezeichnete – gestaffelte Regalsystem lilu, Werners erstes gemeinsames Projekt mit interlübke.


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