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Wohnen als Gesamtkunstwerk

Seinen 200. Geburtstag hätte Theophil Hansen in diesem Jahr gefeiert. In einer Ausstellung zeigt das WAGNER:WERK Museum Postsparkasse nun Werke und Wirken des „Stararchitekten“, der sich zudem der kompletten Innenraumgestaltung widmete. Er vertrat die Idee des Gesamtkunstwerkes und so gibt die Retrospektive auch Denkstöße für heutige Wohnkonzepte.

 

Die Ausstellung „THEOPHIL HANSEN 1813 – 2013. Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten an der Wiener Ringstraße“ im WAGNER:WERK Museum Postsparkasse zeigt Werke und Wirken Theophil Hansens. Foto: wohndesigners

Die Ausstellung „THEOPHIL HANSEN 1813 – 2013. Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten an der Wiener Ringstraße“ im WAGNER:WERK Museum Postsparkasse ist eröffnet. Foto: wohndesigners

Theophil Hansen, 1813 in Kopenhagen geboren und in späteren Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft erhaltend, gehört zu jenen Architekten, die Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am stärksten geprägt haben. Im Rahmen des „Hansen-Jahres“ widmet sich das WAGNER:WERK Museum Postsparkasse mit der aktuellen Ausstellung „THEOPHIL HANSEN 1813 – 2013. Ein Stararchitekt und seine Wohnbauten an der Wiener Ringstraße“ bis 17. August 2013 dem dänisch-österreichischen Ringstraßenarchitekten, seinen Werken und seinem Wirken, geht aber nicht auf seine Wohn- sowie am Rande auch seinen öffentlichen Bauten ein, sondern zeigt auch eine weitere Facette Hansens auf.

 

Vielseitiges Genie

Denn sein Augenmerk galt auch der kompletten Innenraumgestaltung – eine Seite Theophil Hansens, die angesichts seiner beeindruckenden architektonischen Leistungen gerne mal übersehen wird. So beleuchtet die Ausstellung, die Skizzen und Entwurfszeichnungen, Pläne, Fotos, Möbel und kunstgewerbliche Einrichtungsgegenstände von zahlreichen in- und ausländischen Leihgebern präsentiert, nicht zuletzt auch das vielseitige Genie Theophil Hansens, der nach seiner Ausbildung in Dänemark und vielen Jahren in Griechenland in Wien landete – und das mitten in einer Zeit des Umbruchs.

 

Aufbruch in die Moderne

Die Ausstellungskuratoren Wolfgang Förster ( Wohnbauforschung Wien/MA50) und Monika Wenzl-Bachmayer (WAGNER:WERK Museum) gaben einen kompakten Ein- und Überblick. Foto: wohndesigners

Die Ausstellungskuratoren Wolfgang Förster ( Wohnbauforschung Wien/MA50) und Monika Wenzl-Bachmayer (WAGNER:WERK Museum) gaben einen kompakten Ein- und Überblick. Foto: wohndesigners

Dies entpuppte sich als Chance: Der Fall der alten Stadtbefestigung, mit dem der größte Stadtumbau in der Geschichte Wiens ausgelöst wurde, und der Bau der Ringstraße gaben ihm die Möglichkeit, einige der wichtigsten Repräsentativbauten der Haupt- und Residenzstadt zu planen und zu realisieren. Ziel war jedenfalls ein Gesamtkunstwerk als sichtbarer Ausdruck der neuen gesellschaftlichen Bedingungen. Bis heute zeugen zahlreiche, von Theophil Hansen geplante Prachtbauten der Ringstraße – allen voran das Parlament sowie der Musikverein und die Börse – von seinem Können und Wirken.

 

Neuer Stil und Internationalisierung der Architektur

Seine mehrgeschossige Blockbebauung im Stil der „Wiener Renaissance“ wurde zum Vorbild für die gesamte Stadterweiterung. Insbesondere in den für die Bankiers und Industriellenfamilien Epstein, Todesco und Ephrussi gestalteten Palais wird augenscheinlich, wie sehr die „antiken“ Formen der öffentlichen Bauten auch im Inneren der Wohnungen eingesetzt wurden, um deren Repräsentationsanspruch zu unterstreichen. Mit dem als „schönstes Zinshaus der Welt“ gepriesenen Heinrichhof gegenüber der Oper und der Zinshausgruppe am Schottenring schuf Hansen den Typus des bürgerlichen Mietshauses, dessen Blockbauweise und Renaissance-Fassaden das gesamte gründerzeitliche Stadtbild Wiens prägten. So gab Theophil Hansen dem Bürgertum zwar seinen eigenen Stil; zugleich bestand er auf einer Internationalisierung der Architektur. Hansen war „ein modern denkender Architekt“, so Monika Wenzl-Bachmayer vom WAGNER:WERK Museum, und seinen Bauten ist eine „ungeheure innere Flexibilität, wie man sie sich heute oft wünschen würde“ gemein, wie Wolfgang Förster von der Wohnbauforschung Wien/MA50 ausführt.

 

Hansen als Innenraumgestalter

Hansen widmete sich auch der kompletten Innenraumgestaltung, die u.a. Tische und Stühle umfasste. Foto: wohndesigners

Hansen widmete sich auch der kompletten Innenraumgestaltung, die u.a. Tische und Stühle umfasste. Foto: wohndesigners

Gleichzeitig steckt mehr hinter der architektonischen Fassade: Hansens Augenmerk galt auch der kompletten Innenraumgestaltung, die die gesamte Bauausstattung, Fenstergitter, Geländer, Beleuchtungskörper, Tapeten und Möbel umfassen konnte. Bei seinen Möbelentwürfen, die er immer für konkrete Auftraggeber und im direkten Bezug zu den von ihm gestalteten Räumen entwickelte, wandte er eine persönliche Formensprache an, die sich durch eine klare, sehr feine Detaillierung, der konsequenten Tektonik des Gesamtaufbaus und der Einbeziehung von vollplastischen Einzelmotiven wie Akanthusranken, Delphinen, Sphingen oder Putti auszeichnet. Persönlichkeiten wie Erzherzog Leopold Ludwig vertrauten seinem Geschmack. Mit Lobmeyr verband Hansen eine besonders intensive Zusammenarbeit: Neben zahlreichen Glasgegenständen für die Firma entwarf der Künstler auch die Wohnungseinrichtung des Firmenbesitzers Ludwig Lobmeyr. Auch Entwürfe für Tischgerät, Bestecke, Glasservice, Geschirr, Tischtücher sowie Schmuckstücke und besondere Ehrengaben wie Pokale und Prunkeinbände lieferte Hansen und stand dadurch mit den bedeutenden Firmen der Wiener Ringstraßenzeit wie der Bronzewarenfabrik Hollenbach’s Erben, dem Juwelier A.E. Köchert und dem Silberschmied Mayerhofer & Klinkosch in Kontakt.

 

Ganzheitliches Wohndesign

Die Idee des Gesamtkunstwerks verfolgend, kreierte Hansen auch Möbel. Foto: wohndesigners

Die Idee des Gesamtkunstwerks verfolgend, kreierte Hansen auch Möbel. Foto: wohndesigners

Angesichts dieser umfassenden Leistungen erscheint Theophil Hansen als Allrounder. Seine Facette als Innenraumgestalter rückt die aktuelle Ausstellung des WAGNER:WERK Museum Postsparkasse ebenso in den Fokus wie die vielschichte Beziehung zu Otto Wagner und spannt damit gleichzeitig auf gewisse Weise auch den Bogen ins Hier und Jetzt. Waren beide, Hansen und Wagner, als Architekten und im Bereich der Innenraumgestaltung tätig, keimt unweigerlich die Frage auf, ob und wenn ja wie sehr Architektur und Interieur voneinander losgelöst betrachtet werden können – gerade in Zeiten, in denen mehr denn je ganzheitliche Wohnkonzepte gefragt sind, die in sich stimmig und zudem mit den architektonischen Gegebenheiten im Einklang sein sollen. Die Ausstellung ist somit mehr als „nur“ eine Retrospektive und eine Huldigung des Werkes Theophil Hansens, sondern vermag zum Nachdenken anzuregen und Impulse für Gegenwart und Zukunft zu setzen.

 

www.ottowagner.com

 

Theophil Hansens Werke und Wirken in Bildern

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