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Neues von der Küchenfront

Wer hätte gedacht, dass im Küchendesign noch technische Innovationen möglich sind? Jochen Flacke hat soeben für Häcker eine solche abgeliefert: den Oberschrank SlightLift. Auch sonst hat der in Ostwestfalen lebende Designer in seiner 45-jährigen Berufskarriere immer wieder technisch-ästhetische Neuerungen angestoßen.
Von Harald Sager

 

Jochen Flacke freut sich bereits über seine zweite Innovation im Küchenbereich. © Jochen Flacke

wohndesigners: Sie haben für Häcker Küchen den funktionell neuartigen Oberschrank SlightLift entworfen. Der SlightLift ist zweigeteilt, um ihn zu öffnen, schiebt man die Glasscheibe des unteren Teils hoch, die hinter der Scheibe des oberen Teils verschwindet. Gleichzeitig dimmt das Schranklicht im unteren Teil hoch. Der obere Teil seinerseits wird geöffnet, indem die Tür schräg nach oben geschoben wird. Das Licht wird dabei oben automatisch hoch- und im unteren Teil heruntergedimmt. Wie sind Sie auf die Funktionsweise von SlightLift gekommen, was ist die Idee, was der Vorteil?

Jochen Flacke: Mir war beim Kochen aufgefallen, dass es zum einen Dinge des täglichen Bedarfs gibt und zum anderen solche, die man selten oder am besten nie verwendet, wie Graupen und so Zeug – das soll ein Scherz sein! Im Ernst, ich dachte, warum nicht den Schrank in zwei Hälften teilen? Unten kommt das hinein, was ständig gebraucht wird, oben alles Übrige.
Das war die ursprüngliche Idee: einen zweigeteilten Schrank zu entwerfen, dessen unterer Teil beim Kochen in der Regel offen bleibt – wobei die Tür eben nicht wegsteht, sondern im oberen Teil verschwindet! – und dessen oberer nur bei Bedarf geöffnet wird.

Jegliche Gebrauchsvariante ist möglich. Der SlightLift hat definitiv nicht nur funktionalen, sondern auch einigen ästhetischen Reiz. © Häcker Küchen

Die technische Tüftelei bestand darin zu gewährleisten, dass die untere Tür hinter der oberen – quasi im Huckepack – platzierbar ist, und zwar dergestalt, dass auch das schräge Öffnen der oberen mühelos gelingt. Das Ganze musste demnach auch schlank sein.
Die Idee war bestechend, aber alleine konnte ich das System nicht zur technischen Reife bringen, also suchte ich einen Küchenhersteller, der ein solches Alleinstellungsmerkmal zu schätzen wüsste, der groß genug war, ihm Breitenwirkung zu verschaffen, und die Finanzkraft hatte, die Entwicklungskosten zu tragen (die dann ja letztendlich gut eine halbe Million Euro ausmachten).
Ich stellte den Mechanismus Häcker Küchen vor. Die maßgeblichen Leute hörten sich das an, konnten es nachvollziehen und waren sofort überzeugt. Wir bildeten einen Arbeitskreis aus Technikern von Häcker sowie des Zulieferers Kesseböhmer, der für die Beschläge zuständig war, und mir, und stellten relativ bald fest, dass sich das Projekt technisch realisieren ließ. Bis zur Serienreife dauerte es dann noch gut zwei Jahre: Der SlightLift ist eine der diesjährigen Häcker-Neuheiten.
Eine Hauptmotivation, den SlightLift zu entwickeln, war übrigens eine persönliche: Ich wollte ein zweites Mal eine echte Innovation im Küchenbereich einbringen …

 

„Die Idee beim SlightLift war, einen zweigeteilten Schrank zu entwerfen, dessen unterer Teil beim Kochen in der Regel offen bleibt – wobei die Tür im oberen verschwindet – und dessen oberer nur bei Bedarf geöffnet wird.“

 

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Die Scheibe des unteren Teils wird hochgeschoben und verschwindet hinter jener des oberen Teils, gleichzeitig dimmt das Schranklicht hoch. © Häcker Küchen

Ich habe vor einigen Jahren für den Zulieferer Ludewig in Bünde den Hängeschrank Climber entworfen. Climber besteht aus Glaslamellen von 13 cm Stabbreite und 80 cm Länge, die im geschlossenen Zustand eine flächige Front bilden. Das Ganze funktioniert wie eine Jalousie: Mittels einer motorischen, sensorgesteuerten Öffnungsmechanik öffnen sich die Lamellen und gleiten sanft nach oben. Climber war von der Idee und Machart her neu und hatte eine große Breitenwirkung, denn Ludewig verkaufte das System an zahlreiche Küchenhersteller. Auch ich selbst hatte in meiner Küche den Climber in einem Schrank von Häcker eingebaut – er war schließlich mein Baby! Apropos Häcker, Horst Finkemeier, der Besitzer von Häcker Küchen, sagte mir einmal, dass der Climber eine der wenigen Innovationen der letzten 20 Jahre im Küchenbereich wäre.
Der Haken daran war, dass ich Climber im Rahmen eines Beratervertrags entwickelte und nach Stunden bezahlt wurde – und somit keine Tantiemen bekam. Bei einem derartig großen Erfolg schmerzt das! Mit dem SlightLift wollte ich nun ein weiteres Mal etwas wirklich Neues und Breitenwirksames in Sachen Küchenmöbeln entwerfen, diesfalls aber preisgünstiger. Denn seine elektrische Funktionsweise machte den Climber relativ teuer. Und auch ich selbst wollte, nebenbei bemerkt, meinen finanziellen Fehler mit dem Climber wieder wettmachen!

 

Sie haben öfter für Zulieferer gearbeitet?

Der obere Teil wird geöffnet, indem die Tür schräg nach oben geschoben wird. © Häcker Küchen

Ja, ich habe viele Jahre für Komponentenhersteller entworfen. Es ist leider so, dass die Küchenhersteller – aus meiner Sicht – in den letzten Jahren relativ wenig innovativ sind. Es gibt die Tendenz, die Komponenten einfach von Zulieferern zu beziehen: Die Beschläge kommen von diesem, die Griffe von einem anderen, Arbeitsplätze und Fronten von einem Dritten usw. – mit dem Ergebnis, dass die Küchen zunehmend alle gleich aussehen.
In einem solchen Umfeld ist es für einen Küchenhersteller umso wichtiger, eine eigene exklusive Innovation im Programm zu haben, wie eben jetzt Häcker mit dem SlighLift.

 

War der SlightLift Ihre erste Zusammenarbeit mit Häcker Küchen?

Nein, ich habe schon vor 15, 20 Jahren Schubladensysteme für Häcker entworfen, und der Kontakt ist seither nie völlig abgerissen. Für mich war es auch immer positiv, mit Horst Finkemeier und dessen Sohn Jochen, der jetzt die Geschäfte führt, zusammenzuarbeiten. Das sind gerade, ehrliche Menschen. Ich suche mir meine Kunden ja, offen gestanden, nach Sympathie aus. Ich finde, die Arbeit kann nur funktionieren, wenn man mit den Menschen, für die man arbeitet, gut auskommt.

 

„In einem Umfeld, in dem die Küchen zunehmend alle gleich ausschauen, ist es für einen Hersteller umso wichtiger, eine echte Innovation im Programm zu haben – wie das jetzt für Häcker Küchen mit dem SlightLift der Fall ist!“

 

Sind Sie hauptsächlich im Bereich Küchen aktiv? Oder ist der SlightLift eher eine Ausnahme?

Mein Tätigkeitsgebiet ist die Möbelbranche insgesamt: die Bereiche Wohnen, Schlafen, Bad und Esskultur. Hier habe ich im Laufe meiner Karriere mit namhaften Herstellern und Marktführern zusammengearbeitet. Um nur ein paar Beispiele herauszugreifen, wären da die Firmen geha, Mondo, Wöstmann, Thielemeyer, Loddenkemper, hülsta, Musterring, Keuco, ligne roset und XXXLutz zu nennen. Ich habe Badewannen für Kaldewei, Waschbecken für Alape, ganze Badeinrichtungen für Ideal Standard entworfen … – die Liste ist lang.

 

Sind Sie als Designer ein Einzelkämpfer oder haben Sie Mitarbeiter?

Mit all seinen Side- und Higboards, Vitrinen und Hängeschränken ist das Multimediaprogramm Q-Media (für Musterring) die perfekte Einrahmung für TV- und Hifi-Geräte. © Musterring

Ich habe in meinen 45 Berufsjahren nicht nur eine Menge Hersteller überlebt, sondern auch selbst bereits einige Metamorphosen durchgemacht. Im Moment habe ich mit meinen beiden Firmen Winners Design und Jochen Flacke Design einen freiberuflichen Konstrukteur und zwei angestellte Animateure, die meine handgezeichneten Entwürfe in 3D-Animationen umwandeln.
Das sind kleinere Dimensionen, aber ich hatte auch schon mal zehn angestellte Designer und residierte mit meiner damaligen Firma im Wasserschloss Möhler in der Nähe von Oelde bzw. Rheda-Wiedenbrück. Lauter studierte Leute, diese Designer, und irgendwann wurde mir das zu theoretisch, und ich begann eine Tischlerei mit drei angestellten Designern und zehn Tischlern aufzuziehen. Dort produzierten wir Prototypen für die Möbelindustrie. Das war damals eine neue Dienstleistung: Wir waren viel schneller als die Hersteller selbst und dadurch sehr erfolgreich. Zudem arbeiteten wir nicht nur auf Auftrag, sondern entwarfen auch selbst Prototypen, die wir den Herstellern vorstellten. Die kamen zu uns ins Schloss, und irgendeiner von ihnen hat den Entwurf dann immer genommen. Damit erlitt ich jedoch Schiffbruch, als zwei große Hersteller insolvent wurden und dadurch als Kunden ausfielen. Und auch insgesamt ist die Möbelindustrie geschrumpft …

 

Woran liegt das?

Meiner Ansicht nach daran, dass der Möbelmarkt von den Einkaufsverbänden dominiert wird. Diese bestimmen zunehmend das Design und die Einkaufspreise. Die Möbel kommen in immer größerer Menge vor allem aus Osteuropa, wo man preiswerter produzieren kann. Das hat dazu geführt, dass wir in den letzten 20 Jahren ca. die Hälfte der deutschen Möbelhersteller verloren haben und weitere verlieren werden. Eine sehr bedauerliche Entwicklung.

 

„Ich habe in meiner Designarbeit immer auch die technische Herausforderung gesucht und mich gerne an neuen Werkstoffen und Aufgaben erprobt.“

 

Welche Ihrer Entwürfe waren Ihre größten Erfolge bzw. liegen Ihnen besonders am Herzen?

Q-Media interagiert mit den umgebenden Schränken durch unsichtbare Kabeltunnel, TV-Funktionspaneele und Oberböden, die das Verschieben des TV-Geräts erlauben. © Musterring

Der bereits erwähnte Hängeschrank Climber war natürlich ein großer Erfolg, aber da gibt es noch einiges mehr: zum Beispiel das Multimediaprogramm Q-Media, das ich vor vier Jahren für Musterring entworfen habe, das mit seinen Side- und Highboards, Vitrinen und Hängeschränken die perfekte Einrahmung für TV- und Hifi-Geräte darstellt. Die Tendenz geht ja heutzutage dahin, dass die Regale immer mehr verschwinden und stattdessen die Fernseher immer größer werden und die Wand dominieren. Man versammelt sich im Wohnzimmer um sie herum wie in früheren Zeiten ums Lagerfeuer. Q-Media integriert den Fernseher in eine Umgebung aus Schränken, und die beiden interagieren durch unsichtbare Kabeltunnel, TV-Funktionspaneele und Oberböden, die das Verschieben des TV-Geräts erlauben.
Q-Media ist eines der ersten TV-Möbel, die mehr sind als ein Holzschrank mit Klappe und Tür – es illustriert recht gut meine Vorliebe für technisch raffinierte Lösungen.

Die Liege Muse Chair für Etienne Aigner. © Etienne Aigner

Weitere Beispiele wären das mobile Sideboard Life-Service für den Hersteller Rosenthal – der neben Porzellan auch eine Möbel-Schiene hat –, und die Liege Muse Chair für Etienne Aigner.
Grundsätzlich habe ich in meiner Arbeit immer auch die technische Herausforderung gesucht und mich gerne an neuen Werkstoffen und Aufgaben erprobt. Bei meinen ersten Badewannen beispielsweise musste ich lernen, wie man Stahl verformt, wie die Keramikglasur darauf aufzutragen ist usw. Und als man mir einmal vorschlug, ein Wohnmobil zu entwerfen, sagte ich auch da zu!

 


Zu Jochen Flacke
Jochen Flacke hat für Häcker, den drittgrößten deutschen Küchenhersteller, den innovativen Oberschrank SlightLift entworfen, der 2017 auf den Markt gekommen ist. Der aus Ostwestfalen stammende, 67 Jahre alte Designer hat in seinen 45 Jahren Berufsleben mit zahlreichen namhaften Herstellern zusammengearbeitet, darunter geha, Mondo, Wöstmann, Thielemeyer, Loddenkemper, hülsta, Musterring, Keuco, ligne roset, XXXLutz, Rosenthal Möbel, Etienne Aigner, Kaldewei, Alape und Ideal Standard. Jochen Flacke lebt in Kaunitz bei Verl, wo er die Firmen Winners Design und Jochen Flacke Design betreibt. Er arbeitet mit einem freiberuflichen Konstrukteur und zwei angestellten Animateuren zusammen, die seine gezeichneten Entwürfe in 3D-Animationen verwandeln.


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