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Ein leuchtendes Vorbild

Michele De Lucchi, einer der Mitbegründer der kunterbunten Memphis-Gruppe der achtziger Jahre, wirkt heute sowohl als Architekt wie auch als Designer und Künstler. So richtig berühmt hat ihn die Tolomeo gemacht, die er vor genau 30 Jahren für Artemide entwarf und die bis heute ein Welterfolg, wenn nicht die Tischleuchte schlechthin ist. Aber auch abseits der Tolomeo hat ihn das Thema Licht und Leuchte nicht mehr losgelassen.
Von Harald Sager

 

Sie haben mit der Tolomeo vor genau 30 Jahren einen Welterfolg gelandet, der bis heute anhält. Wie kam es dazu?

Michele De Lucchi, ein sanfter Querzeichner. © Artemide

Um 1985, 1986 herum arbeitete ich an Entwürfen für eine Tischleuchte für Artemide. Die Messlatte war hoch, denn der Mailänder Hersteller hatte bereits Richard Sappers Tizio aus den frühen siebziger Jahren im Talon, damals und bis heute der Inbegriff der technoiden Halogen-Tischleuchte und ein Longseller. Was mich an der Tizio aber am meisten beeindruckte, war, dass sie ganz leicht in alle Positionen schwenkbar war – und zwar nur mit einer Hand! Man musste nicht mit der zweiten den Sockel halten. Das war cool, elegant und benutzerfreundlich und verdankte sich einem fein austarierten Spiel der Kräfte zwischen dem Sockel und den Gewichten der beiden Arme. Die Lösung gefiel mir ganz außerordentlich, aber sie war sozusagen bereits an die Tizio vergeben.
Aber es gab eine andere, und die stand praktischerweise bereits auf meinem Schreibtisch: die Naska Loris von Arne Jacobsen – für mich übrigens eine der schönsten Tischleuchten, die je entworfen worden sind. Sie hatte ebenfalls zwei Doppelarme, was sie in alle Richtungen manövrierbar machte, und außen zwei Sprungfedern zur Erhaltung der Spannung in der jeweiligen Position. Vom Prinzip her war das gut – aber ich wollte nicht, dass man die Federn sieht, und so kam ich auf die Idee, dass man sie doch in den Schwenkarmen versenken konnte, wo bereits das Kabel untergebracht war. Dabei kam mir das Bild einer Angelrute in den Sinn, die ja auch aus dieser selbst und der Schnur besteht, die ihrerseits von der Rolle in Spannung gehalten wird. So entwickelte ich eine Mechanik, bei der die Federn an ein heraustretendes Seil angeschlossen wurden, das die Gelenke miteinander verband und dadurch die Spannung in der jeweiligen Stellung aufrechterhielt.

 

Die Tolomeo, wohl die bekannteste Schreibtischlampe unserer Zeit. Hier in einer Variante mit Pergament-Schirm. © Artemide

Die Tolomeo ist heute zu einer großen Familie mit annähernd 100 Modellen angewachsen, mit ganz kleinen Küchenleuchten, die mit einem Clip zu befestigen sind, bis hin zu großen XXL-Standleuchten, vom Spot bis zur wetterfesten Außenleuchte, von der Schraubbefestigung bis zur Wandhalterung, in zahlreichen Farben und Materialien. Dazu wurde sogar eigens ein Werk in Ungarn errichtet, das jährlich über 500.000 Stück ausstößt. Als sie 1987 in Serie ging – hätten Sie damals gedacht, dass sie sich zur quintessentiellen Tischleuchte unserer Zeit, und nebenbei auch zu Artemides Langzeit-Bestseller, auswachsen würde?

Nein, ich hätte vor allem nie gedacht, dass sie so langlebig sein würde – zumal sich die Moden heutzutage so rasch ablösen. Übrigens war sie in den ersten beiden Jahren kein Erfolg. Doch Ernesto Gismondi, der Gründer von Artemide, ließ sich davon nicht beirren. Dann hob sie langsam ab – und seither hat das nicht mehr nachgelassen!
Der Entwurf sah ursprünglich eine traditionelle Glühbirne vor, aber wir haben den Lampenkopf immer auch an neue Lichtquellen angepasst, sobald diese auf den Markt kamen: Halogen, Entladungslampen, Energiesparlampen, Leuchtstoff mit langen Röhren usw. Heute wird die Tolomeo wahlweise auch in einer Version mit integrierter LED geliefert, ebenso auch mit Dimmer und Bewegungssensor.

 

„An der Tolomeo ist alles leicht verständlich und vertraut. Da ist nichts Obskures dran: eine „frugale“ Technologie. Das ist es, was wir heutzutage brauchen!“

 

Was ist die Geheimformel der Tolomeo, was macht gerade sie und nicht irgendeine der Tausenden Leuchten, die jährlich auf den Markt kommen, zur ikonalen Leuchte?

Aus meiner Sicht hat sie einfache, ansprechende Formen und ist praktisch in dem Sinne, dass sie leicht zu bedienen und mit nur einer Hand in alle Richtungen schwenkbar ist. Ihre mechanische Funktionsweise leuchtet unmittelbar ein und ist zudem – mit all ihren Seilzügen, Federn und Gelenken – Teil der Ästhetik. Alles ist leicht verständlich und vertraut. Da ist nichts Obskures dran: eine „frugale“ Technologie. Das ist es, was wir heutzutage brauchen!

 

Die Tolomeo Maxi ist ab Herbst dieses Jahres lieferbar. © Artemide

 

Sie haben für Artemide aber nicht nur die Tolomeo entworfen …

Die Ipno, eine Pendelleuchte aus mundgeblasenem Glas und internem trichterförmigen Lichtleiter mit dimmbarem Licht, kommt heuer auf den Markt. © Artemide

Nein, die erste Leuchte für Artemide, noch vor der Tolomeo, war die Serie Cyclos, eine wahre Freude an Kreisen und Scheiben. Die achtziger Jahre waren für mich eine Zeit der Kreise und Kugeln. Später kamen weitere Leuchten hinzu: die ebenfalls kugelrunde Dioscuri aus mundgeblasenem, geätzten Glas; die rüschenartig geschwungene Logico aus mundgeblasenem Glas, deren milchig-seidiger Lichteffekt sich drei aufeinander folgenden Schichten – Kristall-, Seiden- und wieder Kristallglas – verdankt.
Die Logico, ursprünglich eine Deckenleuchte, kommt mittlerweile auch als Tisch-, Wand- und sogar Gartenlampe; weiters die runde, sich in einen ebenfalls leuchtenden Stab verjüngende Castore aus mundgeblasenem Glas, die es als Pendel-, aber auch als Tisch- und Stehleuchte gibt; der Einbaustrahler Megara; die aus sechs aneinandergereihten zylindrischen und verstellbaren Elelemten bestehende Noto, die in ihrer länglich geschwungenen, raupenartigen Form an einen chinesischen Drachen erinnern soll; und die LED Net in der Art eines sich verzweigenden Asts, die sich sowohl kreisförmig als auch linear konfigurieren lässt.
Heuer kommt die Ipno auf den Markt, eine Pendelleuchte aus mundgeblasenem Glas und internem trichterförmigen Lichtleiter mit dimmbarem Licht.

 

„Früher ging ich bei meinen Entwürfen immer von der Lichtquelle aus, um die herum ich die Leuchte konzipierte. Heute steht für mich im Vordergrund, das Licht selbst zur Geltung zu bringen.“

 

Die aus aneinandergereihten zylindrischen und verstellbaren Elelemten bestehende Noto soll an einen chinesischen Drachen erinnern. © Artemide

Sie entwerfen nach wie vor Leuchten. Hat sich Ihre Herangehensweise in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Oh ja! Früher ging ich bei meinen Entwürfen immer von der Lichtquelle aus, um die herum ich die Leuchte konzipierte. Bei der Tolomeo war das zum Beispiel ursprünglich die normale Glühbirne, daher hat sie auch einen großen Lampenkopf. Diesem habe ich eine topfartige Kegelform gegeben, denn ich wollte den ganzen technischen Kram unter der Haube verstecken und dieser zugleich eine vertraute Form geben.
Seit es LED und Licht aus Spots gibt, ist derlei nicht mehr nötig, die Leuchtdiode ist ganz klein, sodass man große Freiheiten beim Entwerfen hat. Zudem hat sich auch mein Fokus gewandelt. Für mich steht jetzt weniger die Leuchte im Vordergrund als vielmehr das Licht, das von ihr ausgeht, und die Wirkung, die ich damit erzielen möchte. Ich konzentriere mich ganz darauf, wie ich das Licht im Raum zur Geltung bringen möchte. LED hat eine Menge weiterer Vorteile: Es verbraucht einen Bruchteil der Energie einer herkömmlichen Lichtquelle, ist um ein Vielfaches langlebiger, lässt sich dimmen … Und in seiner jüngsten Evolution namens „tunable white“ ermöglicht es Abstufungen von Weißlicht in dessen verschiedenen Farbtemperaturen.

 

Sie haben in den letzten Jahrzehnten schöne, interessante Leuchten entworfen – eine weitere „Ikone“ war aber bislang nicht dabei …

Das stimmt – ich habe oft versucht, eine zweite Tolomeo zu entwerfen, aber bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen!

 

„Ob ich ein Gebäude oder eine Leuchte oder ein Kunstwerk schaffe – ich sehe sie in erster Linie als Objekte. Für mich haben Objekte etwas Auratisches und Neues.“

 

Die LED Net lässt sich sowohl kreisförmig als auch linear konfigurieren. © Artemide

Eine abschließende Frage noch zu Ihrem Selbstverständnis als Architekt, Designer und Künstler. Was ist da die verbindende Klammer?

Ich würde so sagen: Design und Architektur macht man nicht für sich selbst, sondern für die Menschen – Kunst schon eher. Ich teile meine Zeit zwischen Mailand, wo ich mit meinem Team an Architekturprojekten arbeite, und meinem Atelier am Lago Maggiore, wo ich allein für mich Kunst mache. Dort ist alles sehr reduziert, es gibt nicht einmal einen Ofen! Ich verbringe dort meine Zeit damit, nach inspirationen zu suchen, und sehe die Kunst, die ich mache, als Inspirationsquelle für meine übrige Arbeit. Wenn Sie mich nach der verbindenden Klammer fragen: Ob ich ein Gebäude oder eine Leuchte oder ein Kunstwerk schaffe – ich sehe sie in erster Linie als Objekte. Für mich haben Objekte etwas Auratisches und Neues. Nur der Mensch kann sie schaffen – kein anderes Lebewesen kann das. Wenn ein Vogel ein Nest baut, ist es immer das gleiche.

 

www.amdl.it

 


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