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In den Tiefen des Meeres

Zugegeben, ein Urinal zu designen, scheint auf den ersten Blick nicht der Traum jedes Kreativen zu sein. Toan Ngyuen, renommierter internationaler Designer mit französischen Wurzeln, fand trotzdem mehr als nur Gefallen daran, für LAUFEN eines zu entwerfen, und machte so aus einem wenig beachteten Alltagsprodukt ein ansehnliches Design-Objekt. Ein Interview zwischen Orangensaft und tiefem Meer.

Von Lilly Unterrader

„Ein wesentlicher Teil meiner Art ist, einen guten Grund für das Design zu finden.“ Toan Nguyen. © LAUFEN

Herr Ngyuen, was ist für Sie das Besondere an Österreich, am österreichischen Markt?
Ich bin das erste Mal in Wien, und ich habe meine Art, eine Stadt zu erleben: Ich nehme bewusst kein Auto, keine U-Bahn, bin alle Wege zu Fuß gegangen, um so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln.
Über den Markt in Österreich kann ich nicht viel sagen. Natürlich habe ich während meiner Ausbildung viel über Adolf Loos, Thonet oder Wittmann gelernt, aber es ist heute alles international zu sehen und nichts mehr nur national.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit LAUFEN entstanden?
Vor vielen Jahren, als ich auf der Mailänder Messe eine Outdoor-Collection mit Dedon gelauncht habe – es muss etwa 2011 gewesen sein – lernte ich Marc Viardot (Anm.: Managing Director LAUFEN Business Unit Central Europe, Vorstand LAUFEN Austria und Director Marketing and Products von LAUFEN) kennen. Von da an blieben wir in Kontakt. Schon damals hatte LAUFEN sehr lange Vorlaufzeiten, daher war es für ihn schwierig, mich in ein neues Projekt zu involvieren. Schließlich schlug er mir ein Projekt vor, das nicht so glamourös war, wie man es sich als Designer erträumt: Ich sollte ein Urinal entwerfen. Jeder möchte etwas Schönes entwerfen, das auf einem Magazincover abgebildet wird. Aber ein Urinal gibt es überall, und es ist sehr stark am Architektur-Markt orientiert. Daher war es für mich eine schöne Herausforderung, in diesen Wettbewerb zu gehen.
Die Welt der Keramik zu erforschen, ein alternatives Design anzubieten, welches sich an den Architekten, aber auch an den Nutzer wendet, war sehr spannend. Ich habe einen Entwurf vorgelegt, der von außen sehr geradlinig wirkt, im Inneren jedoch sehr ökonomisch anmutet. Ich habe schließlich den Wettbewerb gewonnen, und das Produkt erhielt einen red dot design award. Aus einem Gebrauchsgegenstand wurde ein Design-Objekt. Und das war auch der Startschuss für meine Zusammenarbeit mit Laufen, mit dem Urinal Antero und der Trennwand Cinto.

Vom Gegenstand des täglichen Gebrauchs zum Design-Objekt. L © LAUFEN

„Heute sprechen wir nicht mehr davon, auf die Toilette zu gehen, sondern wir sprechen über Wellness, über einen Raum, in dem man Zeit für sich hat. Man nimmt sich Zeit, Zeit für sich selbst.“


Wie haben sich Ihrer Meinung nach die Ansprüche an Design im Wohnraum verändert?
Es hat sich viel verändert. Funktionalität war das Thema noch vor 20 Jahren, der Wohnraum war der Speiseraum, aber in den vergangenen Jahren wurden sämtliche Wände eingerissen, die Freiräume im Wohnraum sind nun der Wellness gewidmet, in der Küche kommt man zusammen, die Trennung zwischen Küche und Speisezimmer ist nicht mehr zeitgemäß.
Zimmer wurden zu offenen Räumen, das Gleiche gilt auch für das Badezimmer. Heute sprechen wir nicht mehr davon, auf die Toilette zu gehen, sondern über Wellness, über einen Raum, in dem man sich Zeit für sich selbst nimmt.
Das spiegelt sich auch in den Hotelzimmern wider. Die Badezimmer dort werden zu immer aufregenderen Plätzen, in einem Top-Hotel ist eine Badewanne mittlerweile Standard. Gleichzeitig wird der Gastfreundschaft eine neue Wertigkeit beigemessen. Dabei geht es ebenfalls um den offenen Raum. Das Badezimmer und das Schlafzimmer sind nicht selten der gleiche Raum, getrennt durch Glaswände. Das gibt dem Ganzen Transparenz und gleichzeitig auch dem Badezimmer mehr Wertigkeit.

Mit dem Urinal Antero wurde die Zusammenarbeit zwischen Nguyen und LAUFEN begründet. © LAUFEN

Ist das ein internationaler Trend?
Ich denke schon, vielleicht in Asien und Europa noch etwas mehr ausgeprägt als in den USA. Wenn wir von der Top-Klientel sprechen, dann sind es diese Menschen gewohnt zu reisen. Es gibt keine Grenzen mehr. Und die new concept Hotels ziehen da mit. Das ist auch ein anderer Anspruch an Gastfreundlichkeit, da gilt es eine Wahl zu treffen, eine Entscheidung. Wie ist die Gestaltung, der Grundriss? Sehr oft trifft man auch hier auf offene Räumlichkeiten.

Was ist das Besondere am Arbeiten mit Keramik generell und an SaphirKeramik im Besonderen?
Marc hat mich angerufen, um eine Design-Präsentation zu machen, bei dem das Potenzial des neuen Materials, das sie gerade eben patentiert hatten, ins rechte Licht gerückt wird. Es hat die Wahrnehmung der Dicke der Sanitär-Wände komplett verändert. Am Anfang wollte man bei LAUFEN einfach der Erste sein. Aber ohne Anwendungsgebiet ist es schwierig zu verstehen und zu vermitteln. LAUFEN hat daher mehrere Designer beauftragt, ihre jeweilige Interpretation dessen darzulegen, wie man das Potential dieses unglaublichen Materials anhand von Waschbecken demonstrieren könne.

Das elegante Unterbaumöbel schafft Platz auch in den kleinsten Räumen. Schönes Detail: Die Tür wird über Eck geöffnet. © LAUFEN

Ich habe mich dazu nach Gmunden begeben und mich sehr intensiv mit den Technikern auseinandergesetzt. Ich wollte die Vorzüge, aber auch die Grenzen dieses Materials verstehen. Es hat einfach enormes Potential, es ist sehr hart, sehr dünn, sehr fein, aber es ist immer noch Keramik und hat daher auch die gleichen Schwachstellen wie Keramik. Es ist nicht stabil, man muss es formen, man muss es brennen, es kann sich verformen, es kann sehr leicht bersten. Das alles muss man berücksichtigen. Es eröffnet aber auch neue Möglichkeiten, es ist einfacher in der Handhabung, trotzdem muss man die Schwerkraft, die Luftfeuchte, das Timing genau im Kopf haben.
Für mich war es zudem wichtig, nicht nur ein Design zu präsentieren, sondern ein Produkt zu entwerfen, das nicht gegen das Naturell des Materials geht.


„Bedeutend ist, dass alle Sinne miteinander verbunden werden.“


Als ich den Laufen-Technikern meinen ersten Entwurf von INO zeigte, hab ich sie gefragt, ob das umsetzbar sei. Sie antworteten mir: „Vielleicht“, und dass sie der Umsetzung schon mit großer Spannung entgegenfiebern. Wenn sie mir jedoch geantwortet hätten, es wäre einfach umzusetzen, wäre das für mich die schlimmste Antwort gewesen, denn dann hätte es schließlich jeder machen können. Zum damaligen Zeitpunkt war es so, dass alle, der gesamte Mitbewerb, SaphirKeramik machen wollte. Aber der Punkt war, es nicht nur als Erster auf den Markt zu bringen, sondern auch ein schlüssiges Projekt zu präsentieren.
Und so waren wir am Scheideweg: Sollten wir ein Produkt entwerfen für Demonstrationszwecke oder gleich für den Markt? Im Endeffekt war es tatsächlich fantastisches Teamwork mit dem technischen Personal, die einen großen Anteil tragen an INO.

Die handwerkliche Arbeit und der Austausch mit den Technikern ist für Nguyen unabdingbar. © LAUFEN

Also müssen Sie als Designer immer das Design, aber auch den Raum und den Verbraucher im Prozess des Designens mitbedenken?
Alle meine Objekte stehen ja nicht im komplett abstrakten Raum. Ich kann nicht definieren, was rundherum ist. Aber ich muss bedenken, was für den Architekten nützlich ist. Platziere ich das Regal rechts oder links vom Waschbecken, wie viel Platz habe ich? Nicht jeder hat viel Platz im Badezimmer, man muss es für kleine als auch große Räume konzipieren. Beim Entwurf denken wir natürlich verschiedene Szenarios durch. Aber wir können nicht alles bedenken, und INO wird auch nicht überall reinpassen.

Die Waschtischschale aus der Kollektion Ino eignet sich ideal für stilvolle Inszenierungen mit Waschtischplatte und Wandauslauf. © LAUFEN

Im Endeffekt liefere ich ein nettes Tool für den Architekten, mit dem er dann spielen kann. Sodass sie sich das rauspicken können, was sie benötigen, um ihre Bedürfnisse und jene der Konsumenten zu bedienen.

Wenn Sie in einen leeren Raum betreten, was fällt ihnen zuerst ins Auge?
Eigentlich alles. Es ist, wie wenn man in jemandes Gesicht blickt. Es sind die Harmonien der Räume, das Verbindende, die Farben, das Licht, die Objekte. Man wird zum Gestalter darin. Und die Objekte sind die Darsteller, im Endeffekt arbeitet alles zusammen. Ich arbeite oft in Vietnam, da trifft das Alte auf das Neue. In Wien spürt man die Historie an jedem Platz. Genauso ist auch das Badezimmer mit der Geschichte in Verbindung, mit dem Zimmer, dem Gebäude, der Geschichte des Hotels.

Kann man also sagen, Ihr Ziel ist es, einerseits nie die Verbindung zum Design zu verlieren, auf der anderen Seite aber auch den physischen Kontakt der Nutzer ständig im Auge zu behalten?
Als wir die INO das erste Mal gezeigt haben, haben wir der Keramik eine neue Wertigkeit gegeben. Was macht den Unterschied? Wenn ich einen Orangensaft trinke, macht es auch einen Unterschied, ob ich den aus dem Glas trinke oder einem Plastikbecher. Keramik ist ein altes Material, und als die Menschen es angegriffen haben, waren sie überrascht. Das war der erste Zugang. Eine Überraschung mit einer Innovation zu kombinieren ist ein Punkt.

Der Designer im Interview mit WOHNDESIGNERS-Redakteurin Lilly Unterrader. © LAUFEN

Das Zweite: Bedeutend ist, dass alle Sinne miteinander verbunden werden. Die Haptik, die Form, die Mischung aus alldem. Diese dünnen Kanten, die trotzdem nicht scharf sind, sondern im Gegenteil, sehr sanft, die Balance in der Arbeit macht einen Reiz aus. Wenn ich zum Beispiel ein Sofa entwerfe, ist es für mich wichtig, dass man schon bevor man darauf sitzt, das Gefühl von Komfort verspürt. Und wenn man sich dann hinsetzt, wird dies nochmals bestätigt. In Wirklichkeit dreht sich alles um Erlebnis. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit verstehe ich darin, einen guten Grund für das Design zu finden.

„Bedeutend ist, dass alle Sinne miteinander verbunden werden.“

Das neue Material SaphiKeramik hat die Verarbeitung verändert. © LAUFEN

Als letzte Frage stelle ich gerne jene: Welche Frage wurde Ihnen noch nie gestellt, die Sie aber immer schon beantworten wollten?
(lacht) Es gibt eine Menge Fragen, die ich gerne beantworten würde. Aber ich suche nicht nach Fragen, das ist immer ein Austausch. Jede Frage, die eine Diskussion ergibt, ist für mich eine gute Frage. Vielleicht sollte es mehr um den Schaffensprozess der Menschen gehen…
Die Menschen erzeugen das Produkt mit mir, ich sehe die Menschen, die Zusammenarbeit. Ich liebe es, mich mit den Menschen, die es produzieren, auszutauschen. Wir reden immer über Designer, Namen, Stars. Aber alle Designer sind nur deshalb dort, wo sie sind, weil sie in Zusammenarbeit mit dem richtigen Unternehmen sind und den Menschen dahinter. In meiner Arbeit geht es um Verstehen. Wenn die Techniker meine Entwürfe nur mit enormen Kosten umsetzen können, habe ich das Ziel verfehlt. Ich lerne sehr viel in der Zusammenarbeit mit den Menschen, wie etwa bei LAUFEN. Mit jedem Diskurs lerne ich. Ich möchte nicht nur ein Spezialist sein, ich möchte es verstehen, was dahinter passiert.
Vielleicht kann man es so beantworten, ich möchte nicht an der Oberfläche bleiben, ich möchte in die Tiefe des Ozeans eintauchen…

toan-nguyen.com
www.laufen.com


Über Toan Nguyen:

Toan Nguyen. © LAUFEN

Ngyuen wurde 1969 in Paris geboren und absolvierte 1995 die ENSCI ebenda. Er übersiedelte bereits 1996 nach Mailand, wo er auch bald die Desgin-Abteilung bei Antonio Citterio’s design department übernahm.
Mit ihm arbeitete er knapp zehn Jahre u.a. für Axor-Hansgrohe, B&B Itali, Kartell, Technogym. 2009 er schließlich sein eigenes Design-Studio in Mailand, basierend auf zahlreichen erfolgreichen Kooperationen mit Top-Industrie und edler Handwerkskunst in Europa, Nordamerika und Asien in den Sparten Einrichtung, Licht, Keramik und technologische Produkte.
Er entwarf unter anderem für Marken wie Dedon, Laufen, Bugatti Home, Fendi Casa, Coalesse, Teknion, Studio TK, Vibia, Viccarbe, Walter Knoll, Lema, Busnelli, Wendelbo, RH und gewann zahlreiche Auszeichnungen.



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